Früherkennung + normale Seh-Entwicklung

Liebe Eltern,

etwa 80 % all unserer Informationen werden über die Augen aufgenommen. Daran können Sie ermessen, wie wichtig die Sehleistung und die Entwicklung des Sehvermögens für Ihr Kind ist. Diese läuft leider nicht immer normal ab, sondern kann teilweise gestört sein. Durch genaues Beobachten Ihrer Kinder können Sie dazu beitragen, dass Sehstörungen frühzeitig erkannt und behandelt werden, weil dann die Behandlung die besten Erfolge bringt. Sprechen Sie bei den unten aufgeführten Besonderheiten mit Ihrem Kinderarzt.

Kinder sollen zu einer orthoptischen Untersuchung ...

sofort

bei sichtbaren Auffälligkeiten der Augen, wie z.B. Augenzittern, Hornhauttrübungen, grau-weißlichen Pupillen, großen lichtscheuen Augen oder bei Lidveränderungen, hier besonders Hängelidern, welche die Pupille verdecken, oder, falls Sie sich einer Sache nicht sicher sind.

mit 6 bis 12 Monaten

bei erhöhtem Risiko für Schielen, für Fehlsichtigkeit (optische Brechungsfehler) und/oder für erbliche Augenerkrankungen. Das liegt z.B. vor bei Frühgeburten, Kindern mit Entwicklungsrückstand, Geschwistern oder Kindern von Schielern oder stark Fehlsichtigen (besonders Übersichtigen), sowie bei Kindern aus Familien mit bekannten erblichen Augenerkrankungen.

mit 24 bis 36 Monaten

alle übrigen, auch unverdächtigen Kinder zur frühzeitigen Entdeckung eines kleinwinkligen Schielen.
Merke: Besonders einseitige Fehler werden oft zu spät erkannt. Nach der Entwicklung eines normalen beidäugigen Sehens kann in den Folgejahren noch ein gut behandelbares plötzliches Innenschielen (normosensorisches Spätschielen) auftreten.

Eine Überweisung in eine Augenarztpraxis, in der auch schon kleine Kinder augenärztlich-orthoptisch untersucht werden, kann Klarheit über die Erkennung und Behandlung von Augen und Sehfehlern bringen.


Die normale Entwicklung der Sehschärfe

Das Sehvermögen entwickelt sich im ersten Lebensjahr rasant. Bis zum Alter von 12 Monaten verzehnfacht sich die Sehschärfe.

1. Monat

Die Augen des Neugeborenen sehen extrem schlecht. Die Sehschärfe entspricht einem Dezimalvisus der Größenordnung 0,03. Das heißt, das Neugeborene kann Helligkeit erkennen. Die Augen stehen nicht immer parallel, sondern es gibt auch natürlicherweise Phasen mit Außenschielen. Ein Innenschielen in diesem Alter ist am wahrscheinlichsten durch eine Lähmung bedingt, bedarf es deswegen einer dringenden Abklärung.

2. Monat

Allmählicher Fixationsbeginn. Ein in die Hand geratener Gegenstand wird festgehalten und fixiert. Die Augen machen erste Folgebewegungen, wenn das Kind seine Hand bewegt. Bei exzentrischer Fixation gibt es keine Folgebewegungen.

3. und 4. Monat

Das Kind nimmt Blickkontakt auf, das heißt, es schaut zu den Eltern. Schnelle Richtungswechsel werden möglich. Tiefensehschärfe und Akkommodation (Naheinstellung) setzen ein. Die Hand-Augen-Koordination entwickelt sich noch unter Führung der Hand, das heißt mit der Hand ergriffene Gegenstände werden betrachtet.

5. und 6. Monat

Die Sehschärfe erreicht einen Wert von etwa 0,2. Das Kind fängt an, auf das Gesehene zu reagieren. Das gezielte Greifen nach Gegenständen beginnt. Damit einher geht die Entwicklung des räumlichen Sehen. Die Fovea centralis (= Ort des schärfsten Sehens) wird führend. Mit der Verbesserung der Sehschärfe geht die Entwicklung des Farbensehens einher.

7., 8. und 9. Monat

Ein Gegenstand wird mit dem Blick erfasst und danach zielstrebig die Hand ausgestreckt. Das Kind ergreift den Gegenstand also unter Führung der Augen. Damit ist die Beziehung zum Außenraum über die Greifdistanz hinaus mit Hilfe der Augen vollbracht.
Das Baby ist in der Lage, bekannte und fremde Gesichter zu unterscheiden.

11. und 12. Monat

Die Sehschärfe beträgt 0,3 bis 0,4. Der nun gewonnene Einklang zwischen visueller Orientierung und eigenem Körper unter Führung der Augen bleibt von nun an bestimmend für die Gesamtorientierung.
Danach entwickelt sich die Sehschärfe weniger schnell. Sie erreicht im 4. Lebensjahr einen Wert von etwa 0,8. Das Auflösungsvermögen kann bis zum Erwachsenenalter weiter zunehmen.

Das Auge selber hat seinen größten Wachstumsschub ebenfalls im 1. Lebensjahr. In dieser Zeit nimmt die Länge des Auges (Bulbuslänge) von 17 auf etwa 23 Millimeter zu. Die meisten Kleinkinder sind wegen der Kürze des Auges nicht normalsichtig, sondern weitsichtig. Häufig besteht zunächst auch eine Hornhautverkrümmung. In der Regel normalisieren sich diese Werte weitgehend.